Ticke ich noch ganz richtig?

Schnapszahlenzeiten
Ich bin eine 22:22-Initiierte. Alles begann beim Halt an der Ampel. Auf dem Weg von hier nach dort war ich gerade dabei mir eine Zigarette anzuzünden. Da zeigte das Display meiner Autouhr vier Mal die zwei. Zurückgebunden in eine Gegenwart, die außer einer Schnapszahl zu dieser Nachtzeit und an solchen Orten für gewöhnlich nicht viel zu bieten hat, werde ich auf sie aufmerksam. Ab jetzt fallen mir solche Zahlen häufiger auf. An der Tanke bezahle ich 40,40 €, die von mir ausgesuchte Rebe Tafeltrauben kostet genau 3,33 €, täglich um 11:11 Uhr erinnert mich mein Wecker daran, ihn auszuschalten. Überhaupt scheint keine digitale Uhr noch eine ganz normale Zeit anzuzeigen. Selbst das Display meines Telefons registriert seit neuestem Anrufe um 11:44, 13:13 oder 18:18 und meine Mail geht minutiös um 20:20, 12:34 oder pünktlich um Mitternacht raus.

Dieses Phänomen zeigt sich unabhängig davon, ob die jeweilige Uhr auf die Königin aller Uhren – die Weltzeituhr – eingestellt ist, oder nicht. So kam es schon vor, dass ich um 22:22 Uhr meinen Schoßrechner zuklappte und nach unserer Dunstabzugshaube ebenfalls um 22:22 Uhr das Haus verlassen habe, um genau um 22:22 ins Auto einzusteigen. Schnapszahlen machen es möglich, dass man glaubt jenseits von gut und böse zu sein.

Bald bemerkte ich, dass zu bestimmten Tageszeiten solche Uhrzeiten gehäuft vorkommen. Von 11 bis 12 Uhr kommt es beispielsweise zu einer sogenannten BUS, eine „Besondere Uhrzeiten Spitzenzeit“: Der 11 Uhr heften sich im  Elf-Minuten-Takt die 11:11, die 11:22, die 11:33, die 11:44 und schließlich die 11:55 an die Fersen. Für gewöhnlich folgen jedoch zu jeder vollen Stunde lediglich zwei besondere Uhrzeiten: 12:12, 12:21, 13:13, 13:31, 14:14, 14:41 et cetera pp.

Während ich hier schreibe, rauscht gerade die 15:51 rechts unten an meinem Laptopbildschirm vorbei…

Den 10.10.2010 habe ich leider total verschwitzt. Am 11.11.11 kam ich jedoch gerade noch rechtzeitig vor einer roten Ampel zum Stehen, als am Armaturenbrett die 11:11 erschien. Festgerammt in die gesellschaftlich verordnete Narrenzeitfalte hatte die fünffache elf für einen Augenblick meine volle Aufmerksamkeit. Rechts und links folgte alles der gewohnten Routine, so schaltete ich das Radio an, um herauszufinden, ob wenigstens ein paar Faschingsjecken diesen Zeitpunkt gerade öffentlich zelebrierten. Fehlanzeige! Ich fragte mich, ob Psychosen mit Schnapszahlen begännen und ob mit mir alles in Ordnung ist.

Ich beschloss, diesem Phänomen mit Spielregeln zu begegnen. Regel Nr. 1: Kein absichtliches auf die Uhr schauen. Zudem verordnete ich mir beim Zahlenhickser digitaler Uhren an meine Liebsten zu denken. Der Zahlenspuk dauerte nie länger als drei Minuten, außer ich messe den Jahreszahlen, wie lange ich das Phänomen nun schon kenne, eine besondere Bedeutung bei. Dann wären wir ohne Luftanhalten und drei Mal Schlucken bei ganzen sieben Minuten. Zwischendurch testete ich einmal, ob meine Lieben einen Schluckauf bekämen, wenn ich ihnen einen solchen Schnapszahlenmoment widmete. Da nichts geschah und auch im Radio zu diesen Augenblicken keine Katastrophen vermeldet wurden, stand meinem Frönen der Schnapszahlenzeiten nichts mehr im Wege.

Im Moment erblicke ich die 16:26 auf meinem Laptopdisplay. Und diese Zahlenreihen werden in den nächsten dreiundzwanzig Stunden und neun Minuten folgen: 17:18, 17:27, 18:19, 18:28, 19:20, 19:29, 20:21, 20:30, 20:40, 21:22, 21:31, 22:23, 22:33, 23:24, 23:45, 0:12, 01:23, 2:34, 3:45, 4:56, 05:06, 05:10, 06:07, 07:08, 08:09, 09:10, 10:11, 11:12, 12:13,12:34, 13:14, 14.15, 15.16 und 16:17.

Den 12.12.2012, den 20.12.2012 und den von den Mayas prophezeiten Weltübergang am 21.12.2012 wollte ich entsprechend würdigen. Denn erst am 2. und 22. Februar 2022 wird es wieder soweit sein. Den Weltübergang verbrachte ich zusammen mit meiner Freundin, der Kunstfigur Dora Asemwald und ein paar anderen Verrückten in der virtuellen Welt von Second Life. Die Idee: Falls die materielle Welt an diesem Tag untergehen würde, könnten unsere Avatare im Second Life weiterleben. Punkt 21:21 unterbrachen wir unseren digitalen Welt-Trip und stießen mit einem Glas Neckarufener Sekt an, den unser Gast vorsorglicherweise mitgebracht hatte. Bis heute fragen wir uns, was an diesem denkwürdigen Tag für uns persönlich unter oder was in etwas anderes überging, von dem wir vielleicht noch nicht wissen, was es genau ist. Viele sagen, es ginge beim 21.12.2012 um das Ende des Kapitalismus. Tatsächlich rappelt es in letzter Zeit mächtig in der Finanzkiste.

Irgendwann wollte ich genauer wissen, wie häufig solche merkwürdigen Zahlen auf 24 Stunden überhaupt vorkommen können. Nach meinen bisherigen Beobachtungen ergeben sich zwischen 0:00 und 23:59 Uhr nur acht reine Schapszahlen, insgesamt aber rund 200 von 1440 (60 x 24) möglichen Zahlenkombinationen, denen eine besondere Symmetrie oder mathematische Logik zu Grunde liegt. Diese Zeiten kann man um bedeutsame Jahreszahlen und tage, wie Geburtstage, den Hochzeitstag etc. ergänzen. Der “Nine Eleven” und der Weltübergang waren die prägnantesten Daten meines bisher untersuchten Zeitraums. Die Sammlung wird wohl nie ganz abgeschlossen sein: Neue besondere Tage und Zeiten werden hinzukommen, andere Zahlenkombinationen werden ins Nirwana der Bedeutungslosigkeit abrutschen. Doch bestimmte Muster lassen sich inzwischen sehr gut an der Tabelle ablesen, wie der Peak zur Mittagszeit zum Beispiel, auch BUS genannt.

Theazeit!
Am 4.Januar 2012 ging mein virtuelles Alter Ego Thea Schattenwald bei Facebook an den Start. Facebook versprach eine geeignete Plattform zu sein, um mit anderen Menschen über meine Uhrzeiten in Kontakt zu kommen.

Auf Theas Pinnwand teile ich seitdem Schnapszahlenzeiten für alle sichtbar mit. Und zwar synchron zu ihrem Erscheinen und auf das Risiko hin, als spleenig angesehen zu werden und Leute damit zu nerven. Bald schon fingen Theas Freunde an, mit ihr und miteinander auf ihrer Pinnwand zu gewissen Zeiten zu spielen.„Theazeit“ wurde zu einer Art virtuellen teatime, zu der man sich lose verabredete und die man dann ganz bewusst miteinander verbringt. Thea und alle die online sind, kann man zu diesen Zeiten auch anlocken, indem man die Schnapszahlen kurz vor ihrem Erscheinen auf Theas Pinnwand runter,  beziehungsweise rauf zählt. Zum Beispiel: 22:19, 22:20, bis hin zur 22:22. Das erscheint dann unter der Rubrik „Aktivitäten“ und erweckt die Aufmerksamkeit von uns anderen. Manchmal kommt es zum Wettbewerb, wer schneller ist; zu einem Wettrennen mit der Zeit, um sich innerhalb einer bestimmten Minute zu treffen. Da Uhren selten genau gleich gehen, führt das manchmal zu tragischkomischen Szenen. Man trifft sich vielleicht gar nicht und trotzdem ist man zu einer bestimmten Zeit da gewesen.Inzwischen haben die meisten Theafans ihre Computeruhren mit der Königin aller Uhren synchronisiert.

Wer Kreise in andere Zeitzonen hat, beispielsweise in die Vereinigten Staaten, dem steht fast zu jeder Unzeit jemand auf Facebook zur Verfügung. Manchen, denen der Absprung zur vorgerückten Stunde schwer fällt, verhelfen die Theazeiten ins Bett. Dabei mimen die Schnapszahlenzeiten eine Art Wurmlöcher, Zeitlöcher, die zwei verschiedene Orte im Universum miteinander verbinden: das Theaversum mit dem Rest der Welt, das Hier und das Jetzt, das Ich und das Du, wo Leib und Seele, Körper und Geist zusammentreffen. Die Leute hinter den Bildschirmen synchronisieren sich, das Ich synchronisiert sich mit sich selbst: Reset! Ist man müde, geht man jetzt schlafen, will man Kontakt und hat ihn so gefunden, bleibt man noch. Man hält kurz inne, lauscht und handelt entsprechend.

Es sprach sich bald herum: Hier gibt es Zeit! Man kommt und nutzt diese “Dienstleistung”. Vier mal die Null, Geisterstunde, dieser Nichtort, lockte gerade zu Beginn von Theas Facebookaktivität immer wieder Leute an, die dann eine Weile bei ihr herumgeisterten. Die Zeitlöcher kamen uns vor wie Busse, die uns in unsere Universen mitnahmen und Theas Pinnwand zum Offspace erklärten. Ihre Pinnwand wurde eine Art Haltestelle für besondere Uhrzeiten, an der man sich mehr oder weniger zufällig traf, ein wenig plauderte, um dann wieder zu verschwinden. Mit dem 23:23er Bus, dem 1:11er oder 2:22er gings vorzugsweise ins Bett, mit dem 5:55er, 6:16er, 7:17, 8:18 und 11:11er stand man wieder auf.

Nachts kommt es bis dato immer wieder zu Gruppenrundfahrten, bei denen auch mal geschäkert wird. Einmal haben sich hier sogar welche verliebt. Inzwischen fordern Leute von Thea ein Zeitloch an, wenn sie gerade eines brauchen. Andere teilen schöne Uhrzeiten mit, wenn sie welchen begegnen und dabei an Thea und ihre Uhrzeitenfans denken.

Theasophie
Zeit schafft Ordnung und die Uhr spielt dabei eine Hauptrolle. Dabei folgt die Zeit ihren eigenen Rhythmen – jenseits der Taktung der Uhr. Da gibt es den Tag und die Nacht, Wetter und Unwetter, die Gestirne, die Jahreszeiten, Entwicklungszeiten und das Schicksal. Die Zeit scheisst auf die Uhr. Jedes Lebenwesen folgt seinen eigenen Zeitrhythmen. Ansonsten drohen Depression und Burnout.

Tick tack, tick tack, wie ich das Ticken von Uhren hasse. Nehme ich es erst einmal wahr, wird es immer lauter, eindringlicher. Hick hack, hick hack, das Ticken der Uhr zerhackt die Zeit, in kleine widernatürliche, schwerverdauliche Brocken. Die Schönheit der Schnapszahlen liegt dagegen in ihrer Autonomie. Sie bilden die Ausnahme in der Regel. Sie haben etwas zufälliges, sind etwas besonderes. Wer sich mit Zeit beschäftigt weiß, wie relativ sie ist: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden.“ So fasste Albert Einstein einmal das Zeitding zusammen, das wirklich schwer zu fassen ist, und bemerkt: „Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.“ Mathematiker verstehen vielleicht nicht viel von der Poesie des Augenblicks, aber sie kennen Schnapszahlen. Für sie sind Schnapszahlen mehrstellige Zahlen, die ausschließlich durch identische Ziffern dargestellt werden und auch als Repdigits, englisch für repeated digits, zu deutsch wiederholte Ziffern, bezeichnet werden. Abweichend von dieser Definition werden auch achsensymmetrische Ziffernfolgen vereinzelt als Schnapszahlen bezeichnet. Es sind dann Zahlenpalindrome, zum Beispiel die 1:21, 10:01 und die 12:21. Auch Zahlen die auf dem Kopf stehend den gleichen Wert haben, werden vereinzelt als Schnapszahlen bezeichnet, was bei der 9:06 und 6:09 und bei der 16:19 und der 19:16 der Fall ist.

Zeit ist unser größtes Kapital. Vielerorts geht es um effektiveres Zeitmanagement, reziprok um bessere Selbstorganisation. Man teilt sich auf: 9:33 (9:3=3). Auf Social Media Plattformen erfährt man das Teilen noch einmal ganz neu, erweitert um seine virtuellen Realitäten. Über das Internet kann man sich anders organisieren. Dinge können hier geteilt, getauscht, ersteigert und verschenkt werden. Zeiten ändern sich und wir uns.

Dorothea minus Doro gleich Thea. Thea ist der zweite Teil meines zweiten Vornamens. Thea ist die weibliche Version von griechisch theós “Gott”. Ich begreife Thea als Geschenk: Thea dealt nicht nur mit Uhrzeiten Thea ist Zeit! Zeit, die ich mir nehme. Sie ist eine Zeitgöttin.

Autofahren ist relativ ereignislos und dennoch verlangt es unsere ganze Aufmerksamkeit. Das sind gute Voraussetzungen zu sich zu kommen. Vor allem in der Routine immergleicher Strecken hat Autofahren geradezu etwas Meditatives. Vor der Ampel kommen wir für einen Augenblick dort an, wo uns keiner vermutet hätte: bei uns selbst! Dazu das visuelle Ticken der Digitaluhr auf dem Armaturenbrett, blink, blink – alle Minute, eine neue Zahl. Wir sind quasi “in sync” mit der Zeit. Die plötzlich aufkommende Schnapszahl verleiht dem Moment sofort etwas Besonderes, auch wenn er es im Grunde gar nicht ist. Was, wenn wir uns mit diesem besonderen Moment identifizieren? Dann verleiht er uns stante pede das Gefühl von  Besonderheit. Homo ludens, der spielende Mensch, lädt uns ein und stößt bildhaft gesprochen mit der Schnapszahl auf uns an: Pling! Die Schnapszahl scheint unsere relative Individualität, unsere Autonomie zu bekräftigen. Nicht so, wie ein sich selbst vergewissernder Blick in den Rückspiegel, aber es ist “Land in Sicht!”, eine Ichinsel. Ich bin etwas besonders, hebe mich ab, bestimmt auch dadurch, dass ich solche Spielchen treibe und, weil ich es eben bin, das jeder auf seine Art und Weise ist. Mit meinen Löchern, Kuhlen, Erhebungen und Ausstülpungen krümme ich mich in Raum und Zeit auf einzigartige Weise, Ich bin, nicht festgenagelt an ein Kreuz.

Theatime ist eine besondere Zeit: Auf der einen Seite ist sie blanker Unsinn, auf der anderen Seite eröffnet sie uns einen Spielraum, sie schenkt uns Zeit. Sie ist Luxus in Reinform!

“Ich poste, also bin ich!” teilt Thea ihren Status für die Öffentlichkeit mit. Ich stelle bestimmte Uhrzeiten bei ihr auf die Pinnwand und hauche ihr so Leben ein. Den anderen signalisiere ich damit, dass ich durch sie und mittels dieses Spleens zu bestimmten  Uhrzeiten an sie denke und anzutreffen bin und dass Zeit, Zeit zu haben, schön ist. Dass das Leben schön ist,. Zeit ist Leben. In guten, wie in schlechten Zeiten, es ist alles, was wir haben.

Je mehr Umwege man macht, desto ausgebildeter das eigene Navi, erklärt uns die neueste Gehirnforschung. Alles hat seine Zeit, sagt der Volksmund. Und ich ticke doch dann wohl richtig, wenn ich diejenige bin, die dieses Vehikel auf dem Weg zu dir und zu mir selbst irgendwann in die dazu passende Lücke parkt und aussteigt?!

Schnapszahlen sind im Laufe der letzten sieben Jahren meine treuesten Wegbegleiter geworden. Es ist mir durch sie noch nichts schlimmes passiert. Ich bin auch nicht verrückt geworden. Mein Leben hat sich durch den Umgang mit ihnen bereichert. Ich nehme diese Zahlen und auch dich gerne noch ein Stück des Weges mit: Per Anhalter durch meine Galaxis!

Neben der “pseudosymmetrischen 11:11 pm”, Alias: 23:11, den “zweieiigen Zwillingen 21:12 und 12:21”, der eineiigen 22.22, der “Königin unter den Zahlenreihen”, der 12:34, die eine Treppe hinaufschreitet und dem “größten Loch der Welt”: 00:00, hat es noch Platz. In einer Minute ist auch dieses Taxi vorüber, ist der Zahlenspuk vorbei, um direkt wieder in die nächste Runde zu gehen. Dieses Mal versuche ich einmal nicht zu rauchen. Ich fühle mich langsam zu alt dafür. ich werde 44. Mit den Zahlen mache ich weiter, sie halten mich auf Trab, sie sind meine Freunde. Fühle dich eingeladen. Zahlen, bitte!

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